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Aufbruch-AG

KN-Interview mit Margret Rasfeld

Von Jürgen Küppers, Kieler Nachrichten, 31. Mai 2019

Was ist eine gute Schule, Frau Rasfeld?Margret Rasfeld ist Mitinitiatorin des bundesweit agierenden Netzwerkes „Schulen im Aufbruch“. Jetzt war die Pädagogin zu Gast an der Kieler Max-Planck-Schule, um Vorträge zu halten und Workshops zu halten. Im Interview erklärt sie, was eine gute Schule ausmacht und worauf es im Unterricht ankommt.

Frau Rasfeld, angenommen, Sie müssten für Ihre Kinder eine neue Schule aussuchen. Welche Beobachtungen dort würden gegen eine Schulwahl sprechen, welche dafür?

Margret Rasfeld: Im Laufe der Jahre habe ich ein ziemlich gutes Gespür für den Geist entwickelt, der an einer Schule herrscht. Wenn zum Beispiel alle Klassentüren zu sind, Kinder in Pausen hektisch hinausstürmen oder Frontalunterricht überwiegt, würde mich das abschrecken.

Und was spräche für eine Schule?

Wenn ich zum Beispiel beobachte, dass Lehrer sich herunterbeugen oder sogar in die Knie gehen, um mit Kindern auf Augenhöhe zu sprechen. Und wenn ich merke, dass man sich Zeit für ihre Anliegen nimmt. Dann strahlen Schüler meistens gute Laune und Ausgeglichenheit aus.

Schön und gut, werden viele Ihrer Kollegen jetzt sagen: Aber uns fehlt doch die Zeit. Wir können uns nicht um jedes einzelne Kind kümmern.

Kann man schon, wenn man es wirklich will und entsprechende Voraussetzungen dafür schafft. An der Evangelischen Schule in Berlin, die ich zehn Jahre lang leitete, haben Lehrer zwei Stunden in der Woche für Einzelcoaching ihrer Schüler zur Verfügung.

Und damit fällt dann für die anderen Schüler der Unterricht aus?

Der Wegfall einer Unterrichtsstunde bedeutet ja nicht, dass Schüler dann nichts lernen. Ganz im Gegenteil: Wenn sie es gewohnt sind, selbstständig und weitgehend selbstbestimmt zu lernen, nutzen sie diese Zeiten auch ohne Lehrer sehr gut. Dass das funktioniert, kann man an ihrem Lernfortschritt erkennen und auch belegen.

Wie erreicht man denn diese Selbstständigkeit der Schüler?

Zum Beispiel, indem man ihnen zuhört und sie fragt. Lehrer können Schülern keine Selbstständigkeit und kein Verantwortungsbewusstsein vermitteln, wenn sie zu Anfang der Stunde schon das Tafelbild im Kopf haben. Wie sollen Schüler eigene Fragen stellen, wenn sie immer nur Antworten auf fremde Fragen geben sollen?

Warum ist das denn so wichtig? Schließlich geht es in der Schule doch ganz entscheidend auch um Wissensvermittlung.

Aber doch nicht von oben herab. Wissen bis zur nächsten Klassenarbeit in sich hineinstopfen und dann wieder ausspucken, das bringt gar nichts. Leider ist der alte Geist des tradierten Schulsystems noch lebendig, der sich schon seit Jahrhunderten aus zwei Quellen speist: die Belehrungshaltung der Kirche sowie der Gleichschritt-marsch-Mentalität des Militärs. Davon müssen wir wegkommen. So haben es auch bereits 2017 die Kultusministerkonferenz und der Bundestag mit der Verabschiedung des Nationalen Aktionsplans Bildung und Nachhaltigkeit beschlossen.

Warum wird der Aktionsplan dann nicht schneller und flächendeckender umgesetzt?

Erstens, weil der Aktionsplan mit Vorgaben zu Schülerbeteiligung und mehr Freiräumen zu selbstständigem Arbeiten noch kaum bekannt ist. Zweitens, weil der Anstoß zur Veränderung von den Schulen kommen muss. Aber es ist nun einmal so, dass Veränderung nicht allen gefällt.

Was haben Sie denn an Ihrer Schule in Berlin verändert?

Wir haben zum Beispiel im sechsten und siebten Jahrgang das Schulfach Verantwortung eingeführt. Zwei Stunden in der Woche übernehmen Schüler eigenständig Aufgaben außerhalb der Schule – das kann in einer Kita sein, einem Altenheim oder einer Flüchtlingsunterkunft. In höheren Klassenstufen stellen sich Schüler dann drei Wochen lang ,Herausforderungen’.

Was heißt das konkret?

Die Jugendlichen bekommen von uns 150 Euro in die Hand und müssen sich drei Wochen lang außerhalb ihrer Heimatstadt meist in Begleitung angehender Lehrer einer selbst gewählten Herausforderung stellen. Ob sie dabei ein Buch schreiben, ein Floß bauen oder einen Film drehen wollen, ist egal. Aber sie müssen auf jeden Fall an Türen klopfen, um Hilfe bitten und mit Herausforderungen zurechtkommen. Die Erfahrungen, die Schüler und junge Pädagogen dabei machen, sind unschätzbar wertvoll.

Wird die Kieler Max-Planck-Schule, an der Sie zwei Tage lang Workshops geleitet und einen Vortrag gehalten haben, nun ähnliche ungewöhnliche Ansätze übernehmen?

Das könnte gut sein. Auf großes Interesse ist hier zum Beispiel der ,Freiday for Future’ gestoßen, den wir in Berlin als innovatives Unterrichtsformat schon lange haben. Vier Unterrichtsstunden am Stück beschäftigen sich Lehrer mit ganz unterschiedlichen Fächern und Schüler mit Themen wie Klima, Nachhaltigkeit oder Frieden. Dabei geht es aber nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch darum, wie sie das Wissen ins Handeln umsetzen.

Wir danken den Kieler Nachrichten für die Erlaubnis, dass wir dieses Interview hier veröffentlichen dürfen.

von Stefan Junker
erstellt am 10.06.2019

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